25 Februar 2004 - Coyhaique, Chile
Hallo Freunde
Nach hunderten von Kilometern durch fast nichts als nur Natur pur bin ich
nun wieder in einem groesseren Ort angelangt - Coyhaique, im Herzen des suedlichen
Chiles. Hier sponsort nun nicht mehr Bill Gates das Internet, sondern ich
bezahle es aus meinem eigenen Sack und so darf ich es auch benutzen, solange
ich will. Dies kommt nun euch zugute, so dass ich euch wieder einmal ein
laengeres Mail zukommen lassen darf.
Mir geht es nach wie vor super gut und ich geniesse die Tage auf Rulos Sattel.
Seit ich mich vor mehr als einer Woche von meinen beiden deutschen Reisegefaerten
getrennt habe, pedalte ich nun wieder alleine durch die Gegend. Oft ging
mir durch den Kopf, wie sehr sich doch nun meine Reiseart geaendert hat.
Auf dem Weg nach Ushuaia war die Landschaft eine riesige Einoede, doch hatte
ich durch meine Reisestrategie immer auf einer Estancia zu schlafen extrem
viel Kontakt zu der Bevoelkerung. Waehrend zwei Monaten schlief ich nur gerade
drei Mal im Zelt. So empfand ich diese Strecke durch die Pampa keineswegs
aus langweilig.
Hier in Chlie ist die Landschaft nun einfach umwerfend. Ich bin umringt von
mit Gletschern bedeckten hohen Bwergen, ueberall hat es Baeche und Fluese,
welche sich in den Talsohlen zu Seen stauen. Die Gebirgshaenge sind mit oft
tropischen Waeldern bewachsen mit Blaettern von mehr als einem Meter Durchmesser.
Taeglich staune ich wieder von neuem, was uns die Natur hier zu bieten hat.
Manchmal moechte ich stoppen, fuer die Nacht bleiben, doch will ich nicht
jeden Tag nur 20km zuruecklegen und so bin ich mir oft fast etwas zu schnell
unterwegs. In dieser Landschaft waere es einfach zu schade ein Haus fuer
die Nacht aufzusuchen, wenn ich die Nacht gemuetlich im Zelt verbringen kann.
So suche ich mir jeweils am spaeteren Nachmittag einen schoenen Platz, lege
mich ins Gras und lasse den Tag noch einmal an mir vorbei gehen. Ich entfache
ein Feuer, stelle das Zelt auf und koche auf dem offenen Feuer, bis es nach
21Uhr dann dunkel wird.
Den Nachteil, den diese romantische Reiseart nun hat ist, dass ich kaum mehr
in den Kontakt mit der Bevoelkerung komme. Da ich jeweils etwas vor den Doerfern
schlafe um keinen Camping zahlen zu muessen, bin ich die Abende immer fuer
mich alleine. Ich geniesse dieses alleinesein, doch bin ich nun auch froh
einmal wieder in einem Ort zu sein und Leben um mich herum zu haben.
Die Carretera Austral ist fast gaenzlich eine Schotterstrasse. Teile davon
darf man gut und gerne als Strasse bezeichnen, doch hat es da auch einige
Kilometer, die ein einziges Schotterfeld sind. Rulo und ich werden durchgeschuettelt
und das Material wird einem harten Test unterzogen. Nicht alles besteht diesen.
Meine Fahrradschuhe sind schon laengst aufgerissen und haben Loecher in den
Sohlen. Doch bis Bariloche will ich mir keine neuen kaufen. Ich brauche sie
ja hier auch fast nie mehr. Es ist hier so herrliches Wetter, taeglicher
Sonnenschein, wolkenloser Himmel und bis zu 30C warm, dass ich immer in meinen
Sandalen fahre. Doch auch die haben so ihre Probleme. Die hintere Lasche
des einen Schuhs riss aus. Als ich am Abend ueber meine Fischerschnur stolperte,
kam mir die Idee. Mit Nadel, Victorinoxmesser und Fischerfaden betaetigte
ich mich als Schuhmacher und nun ist die Lasche wieder geflickt.
Der Fischerfaden dient auch noch fuer ganz andere Dinge. Als ich am kochen
war fiel mir ploetzlich ein Brillenglas aus der Fassung. Die kleine Schraube
war natuerlich im Gras verloren und so diente der Fischerfaden als provisorische
Schraube, bis ich heute hier in einem Brillengeschaeft einen besseren Ersatz
fand.
Auch Rulo hat zu kaempfen. Es machte ploetzlich "paeng" und der hintere Schlauch
sammt Reifen waren versprengt. Scheisse dachte ich, nahm das Flickzeugs nach
vorne und montierte dem Rulo seine neuen "Schuhe". Nun flitzen wir, sofern
man das flitzen nennen darf, wieder ueber die Schotterstrassen und ich geniesse
die Aussichten.
Als ich auf einem der doch zahlreichen Paesse stoppte, etwas ass und die
Sicht ueber den kleinen See hin zu den Schneebergen genoss, vergass ich bei
weiterfahren einer meiner Schuhe richtig festzumachen, so dass ich nach etwa
zehn Kilometer dessen Verlust bemerkte. Zurueckfahren wollte ich nicht und
fuer einen Moment gab ich meine Schuhe auf. Bis ein Lastwagen dahergebraust
kam. Ich stoppte ihn, bat den Fahrer dort oben beim See auf der Strasse nach
einem Schuh ausschau zu halten, diesen an einem Auto aus der andern Richtung
mitzugeben, gab ihm das zweite Exemplar mit und fuhr weiter. Wenig spaeter
verlangsamte ein Auto zu meiner Seite und der Fahrer hielt mir meine Schuhe
entgegen!!
Bei der Auswahl meiner Schlafplaetze gehe ich immer davon aus, dass wenn
niemand weiss wo ich bin, mich auch niemand finden wird. So entferne ich
mich jeweils einige hundert Meter von der Strasse und bleibe an einem Platz,
der von den Autos nicht einsehbar ist. Dies kann dann hoch ueber dem unglaublich
schoenen Lago General Carrera sein; am Rande des brausenden Rio Baker; in
einer Kuhweide; in einer Flussschlaufe des Rio Murta; oder einfach wo die
Beine nicht mehr weitertretten wollen. Wasser finde ich in den nahen Fluessen
und Baechen und Feuerholz liegt ueberall reichlich herum.
Also liebe Freunde, dies ist mein neues Reiseleben. Ich geniesse jeden Tag
von neuem und versuche so viel zu speichern, wie es nur geht. Manchmal gaebe
es aber so viele tolle Eindrueck aufzunehmen, dass zwei Augen dafuer nicht
reichen. Dann knippse ich halt ein Bild um dann spaeter es betrachten zu
koennen. Uebrigens versuche ich meine vollen Diafilme moeglichst bald einem
in die Schweiz zurueckkehrender Person mitzugeben, so dass ihr euch endlich
meine Bilder anschauen koennt. Ich bin dann gespannt auf die Reaktionen....
Nun hoffe ich, dass ich euch mit all den Infos nicht gleich ueberflutet habe
und gruesse alle bestens.
Gruss Chrigu
Cohaique, Chile