> Mauricio
Nationalitaet: Honduras
Getroffen in: Santa Rosa de Copan
Gemeinsam verbrachte Zeit: 1 Abend
Wie kam es dazu:
Als ich nach dem Mittagessen in Santa Rosa de Copan weiterfahren will,
beginnt es zu regnen. Ich entscheide mich zu bleiben. Bei der Feuerwehr findet
eben ein Einweihungsfest der neuen Fahrzeuge statt, so dass ich ein anderes
Nachtquartier suchen muss. Ich finde dieses beim Roten Kruez.
Ich werde herzlich aufgenommen. Als ich mich nach dem Nachtessen ueber meiner
Mittelamerikakarte ausbreite, kommt Mauricio zu mir. Er sei 17 jaehrig. Bald
aeussert er tief seufzend, dass er einfach die Leute nicht verstehen koenne,
die alle in die USA auswandern wollen. Ich verstehe nicht recht, was er damit
sagen will, so dass ich nachfrage. Letztendlich erteilt mir dieser Junge eine
der eindruecklichsten Lektionen, die ich je in meinem Leben erhalten habe.
Warum ist Mauricio die "Person des Monats Januar 06" ?
Was Mauricio mir an diesem Samstag Abend aus seinem Leben erzaehlt, ist
schlicht unfassbar. Er wollte in den USA sein Glueck versuchen.
Dort angekommen ist er nie. Unterwegs musste er unmenschliche Sachen erleben.
Ihn trieb etwas vorwaerts - die Aussicht auf ein besseres Leben - die Aussicht
auf Geld.
Dazu den Text vom Massenmail vom 5 Februar 2006 aus San Salvador, El Salvador:
Er habe es vor einem halben Jahr auch versucht. Bis nach Monterrey, keine
100km von der us-amerikanischen Grenze entfernt, sei er gekommen. Dort wurde
er von der Polizei geschnappt. Nach sieben Tagen im Gefaengnis wurde er in
einen Bus gesteckt, durch ganz Mexico und Guatemala gekarrt und im ersten
honduranischen Doerfchen stehen gelassen.
Zwei seiner Brueder leben in Los Angeles. Dort wollte er hin. Zusammen mit
weiteren vier Kollegen sei er los gezogen. Letztendlich schaffte es nur einer
bis hoch ins gelobte Land.
Da er noch minderjaehrig ist, musste er schon illegal nach Guatemala einreisen.
In Mexico angekommen, kam er hauptsaechlich per Zug vorwaerts. Da springe man
einem fahrenden Gueterzug auf. In und auf jedem Wagen habe es Latinos gehabt.
Hunderte sollen es gewesen sein, die im Norden ihr Glueck zu finden hofften.
Bald wurde der Zug von der Polizei angehalten. Noch vom fahrenden Zug seine
alle Latinos in die Buesche gesprungen. Dann hiess es rennen. Dutzende Latinos
seien durch die Ebene gerannt. Gefolgt von mexikanischen Polizisten. Selber
auch Latinos!
Bei dieser ersten Verfolgungsjagd verlor er seine vier Kollegen. Fortan sei
er alleine weiter gezogen.
Bald stiegen weitere Latinos auf einen andern fahrenden Gueterzug auf. Diesmal
waren sie aber bewaffnet. Mauricio wurde alles abgenommen. Die paar Dollars,
die er bei sich hatte, musste er mit der Pistole an der Schlaefe hervorruecken.
Das Besteigen eines fahrenden Zuges hat seine Tuecken, so dass es zu Unfaellen
kommt. Drei Leute sah er so ihr Leben lassen. Einem Maedchen sei der Zug direkt
ueber den Hals gefahren, so dass Mauricio ihren Kopf in die nahen Buesche
wegrollen sah.
Nun liegt dieser leblose Koerper wohl dort in der mexikanischen Wueste und
verwest. Wie viele dieser "Illegalen" liegen wohl sonst noch auf der Strecke?
Als Mauricio wieder einal vor einer Kontrolle fluechten musste, verirrte er
sich im Nichts. Waehrend drei Tagen sei er alleine der Zuglinie entlang
gelaufen. Zu Essen habe er nichts bei sich gehabt. Wasser habe er in
abgestandenen Tuempeln gefunden oder es mit dem Vieh am Streckenrand geteilt.
Da er nach dem Ueberfall keinen einzigen Cent mehr bei sich gehabt habe,
sei er fortan auf die Hilfe der Mexikaner angewiesen gewesen. Das Essen musste
er sich erbetteln. Doch sei sein Hunger auch nach einer Tortilla nicht
verschwunden. Sei er vor seiner Reise ein statter Bursche gewesen, sah ich
nun einen schlanken Juengling vor mir stehen. Auch ein halbes Jahr nach seiner
Rueckschaffung sei er immer noch nicht bei alten Kraeften.
Kurz vor Monterrey hatte seine Flucht nach drei Wochen ein Ende. Er sei zu
spaet vom Zug gepsprungen und rannte den Polizisten direkt in die Arme. Zum
zweiten Mal auf seinem Weg in die USA wurde ihm hier eine Pistole an die
Schlaefe gehalten.
Doch er war merkwuerdigerweise fast froh, geschnappt zu werden. Endlich habe
sein Exodus ein Ende gefunden, dachte er. Waehrend Tagen sei er gegangen,
sei er weiter gegen Nodern gezogen, obwohl er dies schon lange gegen seinen
Willen tat. Zurueck haette er schon lange gewollt, doch trieb ihn etwas
staendig vorwaerts - dieses etwas nennen wir Geld.
Ich war wieder einmal sprachlos, was dieser 17 jaehrige Junge mir da zu
erzaehlen hatte. Irgendwie spuerte ich sein Beduerfnis, mir diese Geschichte
anzuvertrauen. Vielleicht erzaehlte er sie mir, so dass ich sie niederschreiben
und verbreiten kann. Wer jemals vor einem "Illegalen" stand und seine
Geschichte gehoert hat, fragt sich in Zukunft, ob je einmal eine Person
ueberhaupt illegal sein kann. Hat nicht auch dieser Mauricio das Recht, sein
Glueck zu suchen, wo immer er dies auch vermutet?