Berner Zeitung, Bern - 31 Maerz 2006
Fuer ihn ist das Leben eine einzige lange Etappe im Velosattel
Der Seeländer Christian Stähli fährt mit dem Velo
durch Südamerika. Aus dem geplanten Reisejahr sind weit über 900 Tage geworden.
Weitere werden folgen. "Die Tour ist noch lange nicht zu Ende", sagt der
25-Jährige.
Irgendwann kommt er wieder zurück. Aber sicher nicht dieses Jahr. Vielleicht 2007.
Aber wer weiss das schon. "Ich habe keinen fixen Plan", sagt Christian Stähli.
Seit fast drei Jahren reist der Mann aus dem kleinen Zimlisberg bei Rapperswil
durchs grosse Südamerika. Per Velo und mit wenig Gepäck ist er unterwegs. Aus
dem jugendhaften Erwachsenen ist ein Mann mit Bart und rauer Haut geworden. Und
aus der geplanten Vergnügungsreise durch den Kontinent eine ernste Angelegenheit.
"Manchmal wünschte ich mir, ich wäre nie losgefahren", sagt Stähli, wenn man mit
ihm übers Internet telefoniert. Trotzdem fährt der Nomade immer weiter. Er liebt
dieses Leben zu sehr, um es aufzugeben.
Start am 11. August 2003
Die Reise beginnt im August 2003 beim Berner Münster. Es ist frühmorgens.
Bekannte und Eltern winken zum Abschied. Die Tour führt nach Barcelona, und von
dort aus per Frachtschiff nach Argentinien. Dann folgen Chile, Bolivien, Peru,
Ecuador, Kolumbien, Venezuela, Costa Rica. Wenn immer möglich pedalt Stähli
abseits der Touristenströme, weit weg von den hippen Backpackers. Lieber fährt
der gelernte Primarlehrer durch menschenleere Gegenden und abgelegene Dörfer.
Ab und an erreicht ein E-Mail Familie und Bekannte. Neuerdings kann man das
Reisetagebuch auch auf Stählis Homepage nachlesen, deren Adresse passender nicht
sein könnte: www.schneckentempo.ch.
Tiefen Einblick erhalten
Es wäre anmassend, die Welt dort nun von hier aus beschreiben zu wollen. Aber
aus den Texten lässt sich erahnen, wie tief Stählis Blick ins südamerikanische
Leben reicht. Doch während sich andere Reiseberichte oft wie Eroberungsfeldzüge
anhören, bleibt der 25-Jährige erstaunlich unaufgeregt. Viel lieber erzählt er
von den Menschen, die er trifft, ihrem Alltag, ihrem Schicksal. Das ist dann
nicht immer leicht verdaulich. Südamerika ist nicht die Schweiz, und schon gar
nicht Zimlisberg. Dort drüben ist die Welt nicht immer in Ordnung. Dennoch
schwingt auch immer viel Freude und Dankbarkeit über das Erlebte mit.
Zweimal Velo gewechselt
Vergangen sind inzwischen weit über 900 Tage. 18 Länder hat Stähli bereits
bereist, gegen 33 000 Kilometer hinter sich. Jüngst hat er sein Velo zum zweiten
Mal gewechselt. Ein neuer Rahmen aus der Schweiz musste her. Auch deshalb ist er
in Guatemala seit langem wieder einmal sesshaft geworden. In der Stadt
Quetzaltenango (Xela) hat sich Stähli bei Bekannten einquartiert. Es galt, das
Erlebte anderen zugänglich zu machen und im Bilderberg Ordnung zu schaffen. Von
Lausanne aus hat Stählis Bruder eine Homepage geschaffen. In Xela wurde sie mit
Inhalten gefüttert. Zuvor war Stefan Stähli "drüben" und hat "den Chrigu" sechs
Wochen lang begleitet. Ist tagsüber in seinem Windschatten geradelt. Hat am
Abend mit ihm irgendwo eine Bleibe gesucht. Wählerisch ist Bruder Christian
hierbei nicht: Hinterhöfe, Feuerwehrmagazine, Ruinen, Abstellkammer, das Zelt.
Wenns sein muss, schläft er auch schon mal in einem örtlichen Gefängnis. Die
Devise ist, kein Geld für Uebernachtungen auszugeben. Wer so lange reist, muss
ans Sparen denken. Der Bruder: "Es war eindrücklich. Aber am Abend bist du
kaputt und willst nur noch schlafen." Doch der Student aus Lausanne ist ein
ehrlicher Mensch: "Auf die Dauer könnte ich das wohl nicht."
Kuba, dann die USA
In Christian Stählis Zimmer im heimischen Zimlisberg hängt über dem Bett die
Weltkarte. Und in der Küche hält die Mutter zwei dicke Bundesordner in den
Händen. Gesammelte E-Mails der vergangenen Jahre. "Eine Erinnerung für später",
sagt Rosmarie Stähli. Wenn man mit ihr spricht, glaubt man herauszuhören, dass
sie über die Tour ihres Sohnes immer wieder selber staunt. "Klar sprach er
davon, zu gehen", sagt die Mutter. Nur glauben mochte sie es nicht. "Vielleicht
eine Tour in den Pyrenäen, ja. Aber jahrelang durch Südamerika?" Es kam
bekanntlich anders. Nun sitzen die Eltern an den Abenden gelegentlich vor dem
Computer und reden mit ihrem Sohn. "Was er macht, finde ich gut", sagt die
Mutter. Die Kommentare sind nicht immer so wohlwollend. Im erweiterten
Familienkreis fiel auch schon mal das Wort "Karriereknick". Die Mutter zuckt
mit den Schultern: "Er verpasst hier doch nichts."
Als Austauschstudent verbrachte Stähli einst ein Jahr in Ecuador. Dies hat ihn
nie mehr richtig losgelassen. Quito, die Stadt seiner damaligen Gasteltern,
sollte eigentlich das Ziel seiner Reise sein. Dort ist er längst durch. Eile
verspürt er keine. "Schneckentempo" ist eine Lebenseinstellung geworden. Nach
Kuba will Stähli weiterreisen, danach quer durch die Vereinigten Staaten. Wann,
bleibt vorderhand offen. Klar ist einzig: "Irgendwann komme ich wieder zurück"
sagt Christian Stähli.
Erich Goetschi